Germering: Erste Geständnisse im Prozess um Geldautomatensprenger

Dutzende Schüsse, berstendes Glas und heulende Motoren: Es sind Szenen wie aus einem Actionfilm, die sich in der Nacht zum 17. Oktober 2018 vor einer Bankfiliale in Germering (Landkreis Fürstenfeldbruck) bei München abgespielt haben. Bei dem spektakulären Zugriff, bei dem unter anderem zwölf Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) mit einem mutmaßlichen Geldautomaten-Sprenger beteiligt waren, wurden drei Polizisten und der Tatverdächtige selbst verletzt. Am Mittwoch hat nun der Prozess gegen den inzwischen 28-Jährigen vor dem Landgericht I in München begonnen. Mit ihm auf der Anklagebank sitzen eine 24 Jahre alte Frau und vier Männer im Alter von 22 bis 48 Jahren.

Den sechs Angeklagten wird vorgeworfen, für eine ganze Reihe von Geldautomaten-Sprengungen in München und Umgebung sowie in Monheim am Rhein verantwortlich zu sein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass insgesamt sieben vollzogene oder versuchte Sprengungen im Zeitraum zwischen April und Oktober 2018 auf das Konto der Angeklagten gehen. Bei ihren Raubzügen erbeuteten sie demnach mehr als eine halbe Million Euro Bargeld, an Bankautomaten und Gebäuden sei durch die Sprengattacken ein Gesamtschaden von mehreren Hunderttausend Euro entstanden.

Die sechs Angeklagten hatten zuletzt alle in den Niederlanden gelebt. Sie sollen zu einer insgesamt noch deutlich größeren Gruppe von Geldautomaten-Sprengern gehört haben. Gegen weitere Mitglieder der Bande laufen gesonderte Verfahren, zwei sind schon verurteilt worden. Weitere mutmaßliche Gruppenmitglieder sind noch nicht identifiziert.

Ein PS-starker, gestohlener Fluchtwagen, mit Falschnamen über das Internet gebuchte Privatunterkünfte in Tatortnähe, tagelanges Observieren von Bankfilialen – die Ausführungen der Staatsanwaltschaft zeichnen zum Prozessauftakt das Bild einer aufwendigen Organisation und Planung der Sprengattacken. Für den 28-jährigen Angeklagten endete die Sprengserie schließlich an besagtem 17. Oktober 2018 mit seiner Festnahme in Germering bei dem Versuch, einen weiteren Automaten aufzusprengen.

Der 28-Jährige wollte zunächst noch mit einem über 400 PS starken, in den Niederlanden geklauten Wagen vor dem durch gesammelte Indizien auf den Plan gerufenen SEK fliehen, fand sich aber zwischen Polizeiautos eingekeilt. Ein Komplize konnte zu Fuß vom Tatort fliehen. Der 28-Jährige gab Gas, um die Autos wegzuschieben. Der Staatsanwaltschaft zufolge habe er sich mit aller Gewalt der Festnahme entziehen wollen und auch die Verletzung der Polizisten billigend in Kauf genommen. Zu den Vorwürfen soll er sich erst am nächsten Prozesstag äußern.

Die Bilanz des spektakulären Fluchtversuchs: Drei der zwölf beim Einsatz beteiligten SEK-Beamten wurden verletzt, fünf der sechs Polizeifahrzeuge beschädigt. Um den 28-Jährigen zu stoppen, schossen die Beamten 30 Mal – der Fluchtwagen wurde durchsiebt, der mutmaßliche Geldautomaten-Sprenger selbst von zwei Kugeln im Schulterbereich getroffen. Vom Krankenhaus kam er direkt in Untersuchungshaft. Die Anklage für ihn lautet nun unter anderem auf schweren Bandendiebstahl und gefährliche Körperverletzung.

Nach einer weiteren gescheiterten Sprengattacke wenige Tage später in Starnberg endete dann die Serie. Bis Ende Mai 2019 wurden schließlich alle Angeklagten – teils in den Niederlanden – festgenommen.

Zu Prozessbeginn sprachen zwei Angeklagte im Alter von 26 und 22 Jahren. Während der 28-Jährige, beim SEK-Einsatz Festgenommene der Anklage zufolge an allen sieben Sprengattacken beteiligt gewesen sein soll, wird den beiden Männer nur eine Beteiligung an den letzten beiden Taten zur Last gelegt. Die Sprengungen selbst sollen sie nicht begangen haben. Die Männer räumten ein, die Fluchtfahrzeuge und das Tatwerkzeug an die Tatorte gebracht zu haben.

Beide gaben an, zunächst nicht genau über die Pläne Bescheid gewusst zu haben – sie hätten sich aber bereit erklärt, für eine Belohnung von 500 Euro Autos in Deutschland zu leihen. Erst später sei ihnen bewusst geworden, dass sie Equipment für die Sprengung von Bankautomaten transportierten.

Zwei Angeklagte im Alter von 26 und 48 Jahren schwiegen zunächst zu den Vorwürfen. Am nächsten Prozesstag wird dann neben der Aussage des 28-Jährigen die Äußerung der 24-jährigen Angeklagten erwartet. Um im Detail zu klären, wie jeder Einzelne der sechs an den Sprengattacken beteiligt gewesen ist, sind bis zum 15. September noch 15 weitere Verhandlungstermine angesetzt.

In Deutschland sind Geldautomaten-Sprengungen seit Jahren keine Einzelfälle mehr. Dem Bundeskriminalamt (BKA) zufolge sind allein 2019 bundesweit 349 Geldautomaten gesprengt worden. Das waren zwar 5,4 Prozent weniger als 2018, aber mehr als doppelt so viele wie noch 2015. Die Täter erbeuteten 2019 insgesamt gut 15 Millionen Euro. In Bayern waren es der Erfassung zufolge 27 versuchte oder vollzogene Geldautomatensprengungen. Die meisten Sprengungen gab es den Angaben zufolge in Nordrhein-Westfalen (105), Hessen (53) und Niedersachsen (45).